Fruchtig-herbes Geschmackserlebnis

Schlehen können bis zum späten Herbst gesammelt und vielseitig verarbeitet werden 

Es war einer dieser Glücksmomente in meinem Dasein als Sammlerin. Mitten in Berlin per Fahrrad unterwegs, auf dem Weg von A nach B: An diesem herbstlich-sonnigen Wochentag war ich ausnahmsweise etwas zu früh zu einem Termin losgefahren, Zeit also, meinen Blick schweifen zu lassen. Da entdeckte ich sie etwas abseits des Weges in einem ansonsten dichten grünen Gebüsch: Kleine dunkelblaue Kügelchen, die sich – je länger ich hinschaute – in rauen Mengen auszubreiten schienen. Unfassbar, aber wahr: Bei den dunklen Farbpunkten handelte es sich um echte Schlehen, die hier offenbar optimale Bedingungen gefunden hatten. Gut, dass ich in der Gewissheit, in der Stadt nahezu überall gesundes Essbares finden zu können, wie immer einen Sammelbeutel dabeihatte. Nach kurzer Zeit war dieser gut gefüllt und meine Hände und Arme ziemlich zerkratzt. Zuhause angekommen, habe ich meine Beute erstmal gewaschen, dann auf Dörrgitter ausgebreitet und für mehrere Stunden im Dörrautomaten getrocknet. Wenig später war mein heimischer Vorrat an wertvollen wilden Schätzen aufgefüllt. Es erfüllt mich immer wieder mit Freude, diese braunen Gläser voller gesunder Kostbarkeiten in meinem Vorratsregal anwachsen zu sehen.  

Während Schlehen meist eher als fruchtiges Geschmackserlebnis in Likören oder als Zutat von Apfelmus geschätzt werden, liebe ich die getrockneten Früchte einfach pur als Topping für Smoothies oder Porridge. Mit Inhaltsstoffen wie Vitamin C, Flavonoiden und Anthocyanen sind Schlehen gerade in der nasskalten Übergangszeit in den Winter ein guter Begleiter, um dem Immunsystem auf die Sprünge zu helfen und den Körper bei der Entzündungsabwehr zu unterstützen. 

Eigentlich sollte es gar nicht so schwer sein, Schlehen in der Natur zu finden, sind sie doch recht anspruchslos. Die Sträucher, wegen der dunklen Tönung der Zweige, auch als Schwarzdorn bekannt, fühlen sie sich sowohl an Wald-, Weg- und Feldrändern aber auch an Berghängen wohl. Dass ich sie in großen Mengen mitten in der Stadt entdeckte, war für mich eher ungewöhnlich und gerade deswegen so beglückend. Vielleicht wurden sie dort einst von beherzten Gärtnern angesiedelt, um Menschen im Frühjahr mit den Blüten zu erfreuen. Denn diese erscheinen, noch bevor die Blätter austreiben, als üppige, duftende Augenweide in strahlendem Weiß. Wie gegensätzlich wirken dabei ihre spitzen Dornen, mit denen sie sich offenbar vor Fressfeinden schützen und zugleich an ihre Familienzugehörigkeit zu den Rosengewächsen erinnern. Wie auch bei Hagebutten, kann daher das Ernten mit Handschuhen hilfreich sein.

Die Früchte selbst sind etwa kirschgroß, mit einem Durchmesser von 1 bis 1,5 Zentimetern erinnern sie mich ein wenig an kleine blaue Murmeln. In der Mitte befindet sich ein Stein, der mich, wenn ich die Früchte im Ganzen esse, zur Achtsamkeit erzieht. Zerkaut werden sollte dieser möglichst nicht, da er sogenannte Blausäureglykoside enthält, die in großen Mengen verzehrt giftig sind.

Geerntet werden sollten Schlehen am besten erst, wenn sie voll reif sind, idealerweise nach den ersten frostigen Nächten im Herbst, sonst hinterlässt die darin enthaltene Gerbsäure ein pelziges, zusammenziehendes Gefühl im Mund. Es ist also Geduld gefragt, wenn schon im September die Zweige vollhängen und die Vögel in den Startlöchern stehen. Wer, wie ich, so lange nicht warten möchte, kann die Schlehen auch einfach vorher pflücken, dann über Nacht im Tiefkühlfach einfrieren und nach Lust und Laune weiterverarbeiten.  

Rezepte mit Schlehen

Getrocknete Schlehen: Das Rezept ist denkbar einfach: Schlehen waschen und auf Dörrgittern oder im Ofen auf dem Blech ausbreiten und bei niedriger Temperatur möglichst unter 42 Grad langsam trocknen. In dunklen Gläsern aufbewahren und auf Smoothies oder Porridge genießen oder zum Lindern von Zahnfleischentzündungen oder auch als Kaugummiersatz achtsam im Mund abkauen. Die Kerne sollten aufgrund des Gehalts an Blausäureglykosiden möglichst nicht zerbissen werden. Mit heißem Wasser aufgegossen, können die Früchte auch zu Tee verarbeitet werden.

Schlehen-Likör: Ein Glasflasche (ca. 700 ml) etwa zur Hälfte mit Schlehen füllen.  400 ml Doppelkorn oder Wodka, 6 Teelöffel Zucker (Kokosblüten- oder Rohrohrzucker), je eine Messerspitze Vanille und Zimt hinzugeben und gut schütteln. Einen Monat lang stehen lassen und dabei immer wieder schütteln, damit sich die Inhaltsstoffe in der Flasche gut verteilen. Dann abseihen und in kleinere Flaschen abfüllen. 

Schlehen-Apfel-Marmelade: Je 500 Gramm Schlehen und in Stücke geschnittene Äpfel, Saft einer halben Zitrone, 500 Gramm Gelierzucker, etwas Zimt und 100 ml dunkler Saft (z.B. aus Johannisbeeren, Kirschen oder Holunder). Zuerst die Schlehen, dann die Äpfel mit etwas Wasser weichkochen und durch ein Sieb streichen oder eine Passevite drehen. Das Fruchtmus in einen Topf geben, mit den übrigen Zutaten zunächst ohne den Gelierzucker vermischen und aufkochen. Dann erst den Gelierzucker hinzugeben und für einige Minuten weiterkochen. In ausgekochte Gläser abfüllen, auskühlen lassen. Die Marmelade ist lecker zu Porridge und Joghurt sowie auf Brot.

Hinweis: Die Kerne enthalten, wie bei allen Rosengewächsen, Blausäureglykosine, die in sehr großen Mengen giftig sind. Daher sollten diese gerade beim Verzehr roher Früchte nicht zerkaut werden.

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